Presse

 

Jazzpodium 3-4 / 2021

Neugrooves x 3 – Konzentriert intime Zwiesprachen:
Ein Zwei-Gitarren-und-ein-Saxophon-Trio um Andreas Brunn lässt aktuell mehr als aufhorchen. (Alexander Schmitz)

EINE MINI-AUSWAHL aus dem Jazz Podium-Attribute-Kästchen für den Gitarristen /Perkussionisten Andreas Brunn gefällig? Musik als »Lebenselixier« und »Musik mit sozialem Gewissen« ließen sich in der Arbeit des »Weimarer Förderers und Initiators multi-ethnischer Begegnungen« entdecken. Der Wahl-Berliner »Musikaktivist« sei ein »Brückenbauer und Versöhner und besonders dem Osten zugetan« und »ein rastloser Grenzgänger zwischen Jazz, Balkan-Folk, Rock und Pop, meist auf der Sevenstring, aber auch elektrisch«. Die »Weltsprache Musik« nimmt er wörtlich, »kreuzt Balkan-Metren mit Jazz, bringt Kindern [zurzeit online] Rhythmus als soziales Bindemittel bei und erschließt sich mit seinen internationalen Gruppen unermüdlich mehr Terrain zwischen Jazz und world music«. Sein aktuelles Trio stellt, wieder bei Laika Records, »New Urban World Melodic Grooves« vor.

22 Jahre zuvor war ein solches dabei, als die Zwillinge im Geiste, der Schweizer Bassist Hans Hartmann am 12-Saiten Chapman Stick und der Akustik gitarrist am Roland-Synthesizer, Debüt-Demos verschickten. »Peter Cronemeyer von Laika war einer der Ersten, die auch geantwortet hatten. Der Chapman Stick war damals ja auch noch ein Novum. Peter hat einfach zugegriffen, und ich hatte ein gutes Gefühl, und dann haben wir die Platte gemacht. Es lief sehr gut, und Peter hat sich sehr um die PR bemüht. Das macht er noch nach wie vor. …

Und nun also das neue Trio, eine Berliner Allstar-Combo, in der Vlado Karparov eher zum Stammpersonal gehört, dieweil Simon Rainer hier als elektrischer – Gitarrist debütiert. Brunn und er kennen sich seit Jahren. »Er ist ein ganz exquisiter E-Gitarrist, mit tollen Sounds, der mich etwas an Pat Metheny erinnert. Und dann kam in einem Gespräch heraus, dass er Muthspiel-Schüler war. Darin steckt eine gewisse Linie«, meint Brunn und merkt an, dass sich die Musik des neuen Trios eigentlich aus den beiden Duos Karparov & Brunn und 13 Strings (S.Rainer/A.Brunn) entwickelt habe. Und die Musiker wollen mit der neuen CD auch an ihren schwer erkrankten Freund Hans Hartmann erinnern. Dessen Kompositionen seien, sagt er, »vertrackte aber melodisch schöne Stücke und so wurden »Swindia« und »Tango el Cercado«, beide in 5/4 ausgewählt. Erwähnenswert »Magic Friday« in 13/16 ohne Schlagzeug zu spielen, das sei »auch ziemlich anspruchsvoll, aber im Duo mit Karparov ein großes Vergnügen.«

Den Stil der CD versammelt er unter »Crossover zwischen beidem, Jazz und Weltmusik. Vladimirs ›Na Mama‹ klingt auch sehr nach Balkan, und auf der anderen Seite unser Duo in ›Goodbye Pork Pie Hat‹, das ist wieder richtig Jazz«, fast so wie Simons schöne Komposition »Sky«, welche nach einem Workshop mit Wolfgang Muthspiel entstand.

Ein paar Tage vor unserem Skype-Gespräch, meinte er schließlich, habe er mit Vladimir in Bulgarien telefoniert. Und der habe ihm vorm Auflegen noch einen Trost-Satz wieder Corona mitgegeben: »Gute Musik«, habe er gesagt, »wird das alles überwinden«.

 

Unsere neue CD wurde auch bei RBB Kultur im Radio vorgestellt! Wunderbare Late Night Jazz Sendung von Ulf Drechsel! Selbige kann auch hier nachgehört werden!

https://jazzthetik.de/tonspuren-03-04-2021/

Andreas Brunn / Vladimir Karparov / Simon Rainer

New Urban World Melodic Grooves

Laika / Rough Trade

Andreas Brunn ist auf diesem Album an der akustischen Gitarre, sein Kollege Simon Rainer an der elektrischen. Dritter im Bunde ist der bulgarische Saxofonist Vladimir Karparov. Was die Formation so außergewöhnlich macht, sind die Bass-Funktionen, die mal von Brunn, mal von Rainer übernommen werden und den Klang des Ensembles so reichhaltiger machen, als es drei Musikern eigentlich möglich ist. Zusammen mit Karparovs osteuropäischen Einflüssen ergibt das eine Mischung, die so wohl nur in Mitteleuropa entstehen kann. In Hans Hartmanns „Swindia“ werden musikalische Elemente aus der Schweiz mit Skalen aus Indien vermischt, und auch in den anderen acht anderen Titeln, darunter Charles Mingus’ berühmte Ballade „Goodbye Pork Pie Hat“, geht es ziemlich kosmopolitisch zur Sache. Allerdings nicht so, dass es aufgesetzt oder mühsam wirken würde – nein, allen drei Musikern geht der Ritt durch die Kulturen lässig und selbstverständlich von der Hand. Mit beiden Musikern hat Brunn zuerst jeweils im Duo zusammengespielt, bevor er auf die Idee kam, daraus ein Trio zu formen. Die wunderschöne Ballade „Sky“ zählt zu den Höhepunkten auf New Urban World Melodic Grooves, Komponist Rainer hat sich dabei von dem legendären Album Beyond the Missouri Sky von Pat Metheny und Charlie Haden inspirieren lassen. (Rolf Thomas)

 

Rezension Jazzhalo (Belgien)

https://www.jazzhalo.be/reviews/cdlpk7-reviews/a/andreas-brunn-vladimir-karparov-simon-rainer-new-urban-world-melodic-grooves 

„Nein, hier begegnen wir keinem klassischen Jazztrio, sondern zwei Gitarristen und einem Saxofonisten. … Andreas Brunn selbst hat eine Schwäche für Balkan-Rhythmen und ungerade Takte, zugleich aber setzt er auch auf Rotationen als Prinzip seiner Ensembles. So spielt er auf seiner siebensaitigen Gitarre nicht nur Melodieschraffuren, sondern auch Basslinien und obendrein noch Percusssion, dabei mit der rechten Hand den Korpus seines Instruments klopfend.

Der Saxofonist Karparov steuert hier und da Zischlaute bei, aber eben nicht nur. Und Simon Rainer beschreibt seine Rolle wie folgt: „Mit Hilfe von Effektgeräten wie dem Fractal Audio, dem Wah-Wah-Pedal oder dem Octaver kann ich die Klangfarbe nach Belieben wechseln. Auf diese Weise kann ich zum Beispiel Bass- oder Hammondorgel-Sounds erklingen lassen und damit den Groove der Kompositionen auf völlig andere Art und Weise unterstützten, als wenn ich ausschließlich Gitarre spielen würde.“…

Nur kurz ist das Gitarrensolo zu Beginn von „Swindia“. Anschließend meint man, Karparov würde mit seinem Saxofon den Flügelschlag eines Taubenschwarms imitieren. Beim Zuhören hat man außerdem den Eindruck, Hans Hartmann habe ein neues Volkslied mit einer eingängigen, zum Mitsummen bestimmten Melodielinie geschrieben. Diese nimmt Karparov in seinem Spiel auf. Und Simon schmückt mit seinem virtuosen Gitarrenspiel das Lied noch ein wenig aus, derweil Andreas Brunn für das rhythmische Korsett sorgt. Und was ist das da im „klanglichen Nebenraum“? Zischen und Gewitterrauschen? Klappenschnalzen vernimmt man, derweil sich verschlungene Melodielinien im Raum verteilen, dank wohl an Andreas Brunn. Insgesamt kommt das Arrangement sehr konzertant daher. Und auch in diesem Stück gibt es perkussive Interventionen, Schlag auf Schlag und den Gitarrenkorpus mit ins Spiel bringend. Außerdem vernehmen wir auch indischem Sprechgesang, wie wir ihn vom Karnataka College of Percussion her kennen. So ergibt sich ein farbenfrohes Klangmosaik mit und jenseits des Volkstümlichen und von Weltmusik. …
Dieses Album ist wegen seiner ausgefeilten melodischen Phrasierungen und Zwiegespräche ein wahrer Ohrenschmaus und Balsam für die Seele!“ (Ferdinand Dupuis-Panther)

Jazzpodium 6-7 / 2021

BRUNN/KARPAROV/RAINER – “NEW URBAN ‘WORLD MELODIC GROOVES

Laika Records / Rough Trade

Wer wenn nicht diese drei Musi­ker, wären prädestiniert, »neue urbane weltmelodische Grooves« zu initiieren? Berlin, nach wie vor kultureller Schmelztiegel inner- und außereuropäischer Musikkulturen, bietet den opti­malen Nährboden für neue Sounds.

Das Songmaterial des Trios stammt aus der Genesis der zahlreichen Kooperations­projekte des Gitarristen und Percussionisten Andreas Brunn mit dem bulgarischen Sopran-­ und Tenorsaxophoniston Vladimir Karparov und dem Südtiroler Gitarristen Simon Rainer. Brunn lotet mit wechselnden Partnern immer wieder neue musikalische und klangliche Möglichkeiten aus und spielt auf seiner siebensaitigen Akustikgitarre nicht nur eingängige Melodielinien, sondern mit Hilfe seiner ganz speziellen Tapping-Technik mit der linken Hand auch Basstöne und mit der rechten Hard Percussion-Sounds.

Karparov pro­duziert mit Lippen, Zunge und Mundstück Zischlaute, die wie Schlagzeug-Besen klingen. Rainer macht mit Effektgeräten wie seinen “Fractal Audio”, Wah-Wah-Pedal und Octaver Bass- und Hamrnondorgel-ähnliche Sounds. Brunn spielt einige Stückes so »Kontraste«. »Magic Friday« und »Goodbye Pork Pia Hat« auf seiner Gitarre über einen zweiten Verstärker im Ste­reo-Modus: auf dem linken Kanal drei Bass-Saiten, auf dem rechten vier Melodie-Saiten.

Und auch wenn der Gitarrist Ralf Siedhoff sein Stück »To Act Like a Bull in a China Shop« nennt – die drei Musiker stürmen darin mit der Kraft vor Elefanten in den Porzellanladen der subtilen Sounds. »Swindia« und »Tango el Cercado« kommen aus dem Repertoire von Hans Hartmann. Insgesamt eine durchaus im Gedächtnis bleibende Reise in die Wett der schönen Klänge. (Rainer Bratfisch)